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theatredanger :: Ausgespielt?

Euch ereilt nun, was Millionen anderer Menschen, die noch nie ein Theater von innen gesehen haben, vor euch ereilt hat... 

Dokumentation einer Solidaritätsbekundung von Frank-Patrick Steckel.
Ein Ensemblemitglied verlas den Brief bei der Solidaritätsveranstaltung für den Erhalt des Bremer Theaters am gestrigen Sonntag (30. 10. 2005).
Frank-Patrick Steckel war von 1978 bis 1981 Oberspielleiter des Bremer Schauspiels.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich hoffe, alt genug zu sein, um bei euch, für das, was ich euch sagen will, Gehör zu finden, auch dann, wenn es euch nicht unbedingt paßt. Schließlich verdankt sich ein Teil eurer Arbeitsplätze einer auch von mir organisierten ersten Kampagne GEGEN DEN BREMER THEATERTOD, mit der im Jahre 1981 die Schließung des Bremer Schauspiels verhindert und ein (wenn auch problematischer) Neubau erzwungen werden konnte. Das waren noch Zeiten!

Euch ereilt nun, was Millionen anderer Menschen, die noch nie ein Theater von innen gesehen haben, vor euch ereilt hat: Gehaltskürzung, Arbeitszeitverlängerung, Lohnverzicht, Entlassung – in eurem Fall sogar, und das ist eine originäre Bremer Errungenschaft, die temporär gänzlich unbezahlte Arbeit, nicht einmal mehr der berüchtigte Ein-Euro-Job steht zur Verfügung. Wie Millionen anderer Menschen steht ihr vor der Frage, ob eure Bereitschaft, auf Teile eurer Löhne, Gehälter und Gagen zu verzichten, falls nur sie den Arbeitsplatz zu retten vermag, als klägliche und endgültige Kapitulation vor denen, die euch erpressen, oder als pure Vernunft zu werten sei.
Ihr streitet darüber. 

 

Ihr seid vermutlich überrascht. Damit habt ihr nicht gerechnet. Das kann doch nicht wahr sein! Wer darf sich erlauben, derart dreist in bestehende Vertragsverhältnisse einzugreifen? Die Antwort lautet: Euer Aufsichtsrat ist es, der sich das erlaubt. Und, das ist hier zu lernen, nicht obwohl, sondern gerade weil er euer Aufsichtsrat ist! Diese Erfahrung teilt ihr inzwischen mit sechs bis sieben Millionen Arbeitslosen allein in diesem Land. Euer Aufsichtsrat besteht aus Politikern, die allesamt, wie andere Aufsichtsräte auch, einem Prinzip gehorchen: Dem Prinzip, daß es zum Bestehenden keine Alternative gäbe.

Was euch von den anderen Unglücklichen, die bereits Opfer dieses Prinzips geworden sind, unterscheidet, ist, daß ihr meint, etwas herzustellen, mit dem man so nicht umgehen kann: Ihr stellt nicht Autos her oder Schokolade, Turnschuhe oder Werkzeugmaschinen, nein, ihr stellt Kultur her, mithin doch bitte keine x-beliebige Ware. Daß Kultur nicht herstellbar ist, höchstens Kunst, daß Kunst und Kultur in all unseren Debatten fälschlich gleichgesetzt werden, Kultur jedoch im Augenblick des Auftauchens eines Kultursenators, in einer Kultursendung etwa, aufgehört hat, zu existieren, all das umschreibt ein Endzeitproblem, dessen auch nur begriffliche Lösung bei der Dürftigkeit unserer Debatten in allerweiteste Ferne gerückt scheint. Ihr jedenfalls stellt Kunst oder Kultur oder beides zugleich her und wollt nicht behandelt werden wie Leute am Fließband. Daß viele unserer Theater längst bereits wie am Fließband produzieren, soll dabei keine Rolle spielen.


Also werft ihr euch mit Forderungen nach Solidarität in die subventionierte Brust: Aber wann habt ihr zuletzt an die Wirklichkeit außerhalb eures Theaters, nicht nur in diesem Land, gedacht? Wann habt ihr zuletzt schlecht geschlafen, wo doch die Mehrheit der Menschen in diesem Land, ungeachtet der geschwollenen Werbesprüche eurer politischen und der in ihrem Schlepptau agierenden künstlerischen Arbeitgeber, ein fatales Leben ohne die sogenannte Kultur zu leben haben und, wie kann man es begreifen, tatsächlich zu leben vermögen? Und wann hat es euch geplagt, daß diejenigen Bürger, für die eure Theater spielen, eure Musiker musizieren, eure Sänger singen und eure Museen öffnen, ein Publikum bilden, welches jede Verantwortung für die üblen Verhältnisse vor den Toren der Theater, Opernhäuser und Museen von sich weist – wenn es nicht gar von ihnen profitiert? Wann je war euch euer Erfolg verdächtig? Und wenn er euch verdächtig war, was habt ihr getan, den Verdacht zu entkräften? Wo war eure Solidarität? Während die Künstler unter euch ihre Kritiken lasen, ging der soziale Rechtsstaat vor die Hunde. Unter dem Beifall der Blätter, bei denen eure Kritiker angestellt sind, mehrten sich Armut, Unbildung und Unternehmensgewinne.

Eines allerdings unterscheidet die Schließung eines Theaters von der Schließung eines Industriebetriebs: Wenn Theaterleute ihre Arbeitsplätze verlieren, macht niemand Gewinn, so wenig, wie Gewinn zu machen war, als sie ihre Arbeit noch hatten. Es steigen auch nicht, wie im anderen Falle üblich, die Börsenkurse.
Die Entlassenen erhalten, finden sie keinen neuen Arbeitsplatz, nur einfach sehr viel weniger Geld aus der Staatskasse als zuvor. Oder ihr kommt, wenigstens hin und wieder, bei Rundfunk- und Fernsehunternehmen unter, Anstalten, von denen die öffentlich-rechtlichen ihrerseits ebenfalls bedroht sind. Bei der Schließung eines Industriebetriebs dagegen, bei massivem Stellenabbau um des heiligen Wettbewerbs willen, stellt der private Eigentümer der Produktionsmittel seine eigenen Zahlungen an die betroffenen Mitarbeiter ein und überläßt die Gekündigten kaltblütig der öffentlichen Hand. Man trifft sich dann auf den Korridoren der hochtrabend Arbeitsagenturen genannten Elendslokale. Oder die Beschäftigungslosen können euch auf dem Bildschirm bewundern. In einem Fall, dem euren, wird kein Unternehmensberater und kein Kultursenator der Welt je aus einem Theater eine Rendite abwerfende Geldmaschine machen. Im anderen Fall ist die Mutation einer sinnvollen menschlichen Erfindung zu einer unmenschlichen, aber einträglichen Zwangsstruktur Programm.

Die Kernfrage aber, mit welchem Recht die Millionen aus dem Produktionsprozeß geworfenen Menschen die öffentlichen Haushalte und nicht die mit ihrer Ausgrenzung erzielten Gewinne belasten, wird mit wachsender Brutalität dahingehend beantwortet, daß sie genau dieses Recht eben nicht haben. Und daß man es ihnen beschränken, beschneiden und, wo immer es geht, absprechen muß. Die Gewinne gehen sie dabei nichts an. Daß die wirklichen "Parasiten" - ich zitiere den amtierenden Minister für Wirtschaft – aber diejenigen sind, die zu Lasten der Staatskasse ihre Profite maximieren – von denen in die Staatskasse selbstverständlich so gut wie nichts gelangt – das sagt, bis auf ein paar verhöhnte Linksparteiler, niemand. Diese geldbesessenen Herrschaften sind eure eigentlichen Gegner. Sie pfeifen auf alles, was nicht aus einem Dollar oder Euro zwei Dollar oder Euro macht. Sie haben die Politik im Griff. Sie haben den Nationalstaat ad absurdum geführt. Sie haben dafür gesorgt, daß der Rechtsstaat mit dem von ihnen bevorzugten Wirtschaftssystem gleichgestellt wird. Sie führen Krieg gegen euch.


Unter ihrem erbarmungslosen Blick geht der öffentlichen Hand das Geld aus und auf ihr Betreiben versucht der Staat, sich mittels ökonomischer und sozialer Erpressung der ohnehin durch Armut, Alter und Arbeitslosigkeit Geschädigten und einer zunehmenden sozialen Verwüstung schadlos zu halten. Unsere neuen Großkoalitionäre denken doch wahrhaftig über die Senkung von Unternehmenssteuern und die Anhebung der Lebensarbeitszeit nach! Mit welchem Recht wollt ihr angesichts dieses für die Oberen lukrativen politischen Irrsinns im Umgang mit den Unteren auf eure kulturelle Schlüsselfunktion pochen? Sie ist zerfallen. Wird die Menschenverachtung gesellschaftlich sanktioniert, müssen die Theater schließen oder sie werden geschlossen. Stellt sich die Systemfrage? Und ob sie sich stellt, Kolleginnen und Kollegen!

Hier sollten die Theaterleute aufstehen. Aufstehen und laut sagen, daß sie, von Berufs wegen, die Rückkehr zu Unterdrückung, Armut und Ausbeutung nicht wollen. Daß der demokratische und soziale Rechtsstaat die größte Errungenschaft der letzten beiden Jahrhunderte war. Daß das Geschwätz von seiner Unbezahlbarkeit eine Lüge ist. Daß es ein uralter Traum der Menschheit war, leben zu können, ohne arbeiten zu müssen. Daß wir uns, nun, wo wir, in diesem Teil der bekannten Welt, der Erfüllung dieses Traums so nahe gekommen sind, seine Verwirklichung nicht durch die Habgier einer Handvoll international agierender Finanz- und Handelsdespoten in die pure Barbarei verkehren lassen. Schließen wir die Börsen, nicht die Theater!
In diesem Sinne einen solidarischen Gruß nach Bremen!

 

Posted: Mo - Oktober 31, 2005 at 06:21 nachm.  
   
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