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Aktuelle Dokumente zur Situation des französischen Theaters (2)Brief von Jean-Claude Fall, Leiter des Théâtre des 13
Vents, Montpellier, Staatstheater der Region Languedoc-Roussillon,
an
Ariane Mnouchkine und Patrice Chéreau
Brief von Jean-Claude Fall, Leiter des Théâtre des 13
Vents, Montpellier, Staatstheater der Region Languedoc-Roussillon,
an
Ariane Mnouchkine und Patrice Chéreau
Liebe Ariane, lieber Patrice
Vorhin, im Cloître des
Célestins, war ich in Eurer Nähe und habe Euch ungläubig,
traurig und voller Unruhe zugehört. Ich war so bestürzt, daß ich
es nicht fertigbrachte, Euch zu antworten. Ein junger Mensch hat es mit Bewegung
und Anstand getan. Ich möchte gern glauben, daß es Julien Bouffier
gelang, Euch zu berühren, mit all seiner Liebe und Bewunderung.
Für unseren ganzen Berufsstand seid Ihr maßgebliches Vorbild,
zwei Orientierungspunkte, dies wegen Eures Talents, Eurer Aura als
große Theaterleute und Eures Engagements,das bis heute nicht
nachgelassen hat. Ich habe Euch keine Lektionen zu erteilen. Im Gegenteil, Ihr
wart immer Vorbilder für mich. Ich möchte verstehen, aber ich kann es
nicht. Ich habe versucht, mir einzureden: vielleicht haben sie doch recht. Zum
Schluß aber bleibt nur das Nein: Nein, ihr habt
unrecht!
Du Patrice bist der Meinung, daß diese Reform gerecht
ist. Es steht Dir frei, dies zu denken. Daß du es aber vor laufenden
Fernsehkameras sagst, dafür trägst Du eine immense Verantwortung. Du
weißt, Dein Wort zählt mehr als das Worte der anderen, als das Wort
von Tausenden von Künstlern und Technikern, die ums Überleben
kämpfen und verzweifelt sind, weil man sie nicht anhört. Diese Reform
verurteilt zwischen 15000 und 20000 Personen zum staatlich festgesetzten
Mindesteinkommen (RMI), das weißt Du, das wissen wir alle. Nein, unser
Berufstand hat nicht das Recht 15000 bis 20000 Personen zu totaler Armut zu
verurteilen. Gerade die Schwächsten, die Ärmsten unter uns haben
Solidarität am meisten nötig.
Es trifft ja oft die
Jüngsten, all jene, die gerade mit diesem Beruf angefangen haben und davon
träumen, mit ihm ihr Leben zu gestalten. Und wir, die wir heute nicht von
dieser Reform betroffen sind (aber vielleicht doch in der Zukunft), sollen wir
etwa diesen immensen Pfusch akzeptieren, ihn in Kauf nehmen, oder schlimmer noch
sollen wir ihn akzeptieren? Ich sage Dir nur eines: Nein!
Du,
Ariane, sagst, daß der Streik nicht die richtige Methode sei, daß
unsere wahre Stärke in der Ausübung unseres Berufes, unserer Kunst
liegt. Daß unsere Theaterarbeit für uns spricht, stärker als
alles andere. Du hast recht. Wir alle tun diese Arbeit, um die Welt zu
verändern. Na ja, ein klein wenig, aber das Wenige ist doch sehr groß,
es macht unsere ganze Größe aus. Dennoch, Ariane, haben wir keine
Wahl. In der Tat, seit Monaten versuchen wir, uns Gehör zu verschaffen,
unsere Minister, unsere Abgeordneten auf unsere Not aufmerksam zu machen, auf
die dringend notwendigen Reformen, auf die chronische Unterfinanzierung, an der
die darstellenden Künste seit Jahren leiden. Nichts geschieht. Nichts
bewegt sich. Funkstille im Radio, im Fernsehen, in der Presse. Seit wann spricht
man endlich täglich von unseren Problemen, im Radio, im Fernsehen, in der
Presse? Seit dem Streik der Künstler und Techniker mit Werkverträgen
(intermittents). Dieser Streik hat die die darstellenden Künste wieder zum
gesellschaftlichen Moment werden lassen. Das ist ein historischer Augenblick,
dessen man sich bemächtigen muß. Wenn die oder jene Inszenierung heute
nicht stattfindet (was sicher niemand wünscht), dann deshalb, damit sie
morgen noch stattfinden können. Gemeinsam können wir aus diesem Kampf
gestärkt hervorgehen. Du sagst, daß wir uns selbst in den Fuß
schießen. Natürlich tun wir das nicht.
Vorhin hast Du uns ins
Herz geschossen. Im Gegensatz zu dem, was Du behauptest, gibt uns dieser Streik
unseren Platz in der Gesellschaft, unsere Würde zurück; er sagt uns
und der Welt: unsere Existenz ist wichtig; ohne die Künstler und Techniker
der Bühnenkünste ist die Welt häßlicher, weniger lebendig,
weniger lebenswert.
Blebe bei uns, Ariane, bleibe bei uns, Patrice. Wir
haben Euch sehr geliebt, wir haben Euch sehr nötig. Das hätte ich Euch
vorhin sagen sollen, aber ich habe es nicht vermocht. Ich bewundere Euch
zu sehr.
Noch ein Wort zum Schluß, und zwar technischer Natur.
Diese "Reform" regelt überhaupt nichts. Sie wurde mit dem Taschenrechner
vorgenommen. Es gibt nichts einfacheres für die "Reformatoren": wenn das
reale Defizit der speziellen Arnbeitslosenversicherung für
Bühnenkünstler und -techniker sich auf 250 Millionen Euros
beläuft (und nicht wie oft behauptet auf 800 Millionen - in der Tat hat der
nationale Rechnungshof den Unterschied zwischen den Kosten der
Spezialversicherung und den Kosten, die diese Versichertengruppe in der
allgemeinen Arbeitslosenversicherung verursachen würde auf 220 Millionen
Euro beziffert), braucht man die Beiträge zur speziellen
Arbeitslosenversicherung nur zu verdoppeln (Ersparnis 100 Millionen Euros) und
25% der Empfänger von Arbeitslosengeld zu "entlassen" (Ersparnis 150
Millionen Euros). 100+150=250 und die Sache ist erledigt. Das ist nicht nur
zynisch gedacht, es ist saublöd. natürlich kommt dadurch die gesamte
ökonomische Grundlage der Darstellenden Künste ins
Wanken.
Der Roigt und Klein-Bericht, der vom Arbeits- und vom
Kulturministerium in Auftrag gegeben wurde, verweist mutig auf die
Verantwortlichen für die Mogeleien, die das Versicherungssystem für
Künstler und Techniker mit Werkverträgen zum Sinken bringen: an erster
Stelle die schummelnden und mogelnden Unternehmer der Film- und
Fernsehindustrie, die sich dieses Systems bedienen, um (ich zitiere)
"Finanzengineering" zu betreiben" das heißt im Klartext, um ihre Profite zu
erhöhen;
an zweiter Stelle, die staatlichen Institutionen (Staat und
Gebietskörperschaften) die sich wissentlich oder unwissentlich dieses
Systems bedienen, um die Finanzierung ihrer jeweiligen Kulturpolitik
möglichst gering zu halten.
Sie sind die großen "Gewinner"
dieser vielgeschmähten Reform. Sie kommen heil davon - ja, ich würde
sagen gestärkt in ihrem verantwortungslosen Verhalten. Noch einmal: die
ultraliberale Antwort, die von solch einer Reform gegeben wird, läuft auf
massive Entlassungen hinaus.
Das ist nicht zu akzeptieren.
Wir
müssen diese Maskerade stoppenn. Dazu, liebe Ariane, lieber Patrice
brauchen wir alle, auch Euch.
P.S. Ich habe die unterdrückten Tränen meines Freundes Jean-Paul Montanari (Direktor des Tanzfestivals Montpelllier) gesehen, die Tränen all derer, die sich mit allen Kräften und Leidenschaften dafür einsetzen, ihre Festivals trotz aller Schwierigkeiten am Leben zu erhalten, die Künstler, die sie lieben, einzuladen, und dem Publikum Produktionen zu zeigen, die helfen, "der Verkümmerung der Welt" (Michel Cournot) zu widerstehen. Ich verstehe die Trauigkeit, den Zorn und die Angst von Bernard Faivre d'Arcier. Sie müssten jedoch alle wissen, daß dieser Streik keineswegs gegen sie gerichtet ist. Wir alle träumen davon -und manchmal wird dieser Traum Wirklichkeit- daß unsere Arbeit eingeladen und mit dem Publikum konfrontiert wird. Schließlich (das ist eher der Beginn) weiß das Publikum, daß wir nur durch und für das Publikum existieren. Und daß es mit uns die Welt ändert. Und daß dies gut ist. Und daß wir heute gemeinsam kämpfen, damit es morgen so bleibt. Jean-Claude Fall Director des Staatstheaters (C.D.N.) Montpellier Languedoc-Roussillon-Théâtre des Treize Vents Posted: Do - August 28, 2003 at 11:50 nachm. > |
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