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"Krieg gegen den Geist" 

Der Appell vom Februar 2004, der in der französischen Musikzeitschrift „Les Inrockuptibles“ erschien, wurde bislang von mehr als 85.000 Angehörigen intellektueller Berufe in Frankreich unterzeichnet.

virus31 dokumentiert den Aufruf in der Übersetzung von Dieter Welke 

 

 
WIDER DEN KRIEG GEGEN DIE INTELLIGENZ

AUFRUF 

Nichts steht heute einer Universität ohne Finanzmittel näher als ein stillgelegtes wissenschaftliches Labor, nichts steht einem künstlerischen Zeitarbeiter im Theater näher als ein Doktorand in prekären Arbeitsverhältnissen, nichts steht einem Notarzt im Bereitschaftsdienst näher als ein mit Akten und Prozessen überlasteter Richter, nichts steht einem Psychoanalytiker, dem die Berufsausübung verboten wird, näher als ein Archäologe, dem die Ausgrabungen verwehrt werden, nichts steht einem Architekten näher als ein Anwalt oder ein Arzt, dessen Freiheit in der Ausübung seines Berufes immer mehr eingeschränkt wird, nichts steht einem Arbeitslosen, dessen Leistungsberechtigung erschöpft ist, näher als ein Künstler, der zur Annahme jeglicher schlechtbezahlter Arbeit genötigt wird, nichts steht ihnen allen näher als ein Lehrer und seine Schüler in baufälligen, überfüllten Klassenzimmern.

Alle diese Bereiche des Wissens, der Forschung, des Denkens, des sozialen Zusammenhalts, der Produktion von Kenntnissen, der öffentlichen Debatte sind heute das Ziel massiver Angriffe, die einen neuen staatlichen Antiintellektualismus erkennen lassen. Wir sehen, wie sich eine äußerst kohärente Politik etabliert. Eine Politik der Verarmung und Prekarisierung aller Räume, die als kurzfristig unproduktiv, unnütz oder dissident angesehen werden, eine Politik der Verarmung und Prekarisierung jeglicher unsichtbaren geistigen Arbeit, eine Politik der Verarmung und Prekarisierung aller Orte, an denen die Gesellschaft sich denkt, sich träumt, sich erfindet, sich heilt, sich beurteilt, sich repariert. Eine Politik der schrecklichen Vereinfachung der öffentlichen Diskussion, der Reduktion der Komplexität: Für oder gegen das Kopftuch? Psychiater oder Scharlatane? Ein Polizist in jeder Schule oder Lehrer, die alles durchgehen lassen? Linke Richter oder strenge Polizisten? Das Frankreich der kleinen Leute gegen die Wissenseliten? Die Künstler: Nichtstuer oder Profiteure? Die Liste der gering geschätzten Kompetenzen und der verachteten praktischen Wissensbereiche ist lang. Seit zwei Jahren gibt es diese verkürzten Debatten, denen jegliche Dichte, jeglicher fruchtbare Widerspruch wegamputiert wird.

Die Regierung Raffarin nutzt die Lektionen des 21. April* auf schrecklich vereinfachende Weise: Mitten in der Krise des Sozialstaats, in jenen Bereichen, die am empfindlichsten sind, in den Krankenhäusern und im Gesundheitswesen, in der Schule und der Universität, in der Justiz und in der Sozialarbeit, in der Kultur und in den öffentlich rechtlichen Medien, zum Zeitpunkt eines beispiellosen Bruchs in der urbanen Struktur zwischen reichen, friedlichen Stadtzentren und einem vernachlässigten Umland, in den Zeiten einer beschleunigten Dezentralisierung der Kultur ohne Auffangnetz und einer Kulturindustrie, die die geistige Landschaft tiefgreifend verändert, was tut da die Regierung? Sie liefert die Architektur, die Urbanistik und den Bau neuer öffentlicher Räume an die großen Baukonzerne aus. Sie dünnt durch den Abbau von Arbeitsplätzen bei Junglehrern, Erziehungshelfern, Krankenschwestern und pädagogischem Hilfspersonal den Unter- und Mittelbau im Erziehungswesen aus. Im Namen einer notwendigen Reform der Arbeitslosenversicherung für künstlerische Zeitarbeiter bringt sie die gesamte Theaterszene in eine prekäre Lage. Sie demoralisiert die Berufe im Gesundheitsbereich und beschleunigt die Abwanderung hochqualifizierter Forscher an ausländische Universitäten. Sie profitiert vom Ausscheiden der starken Geburtsjahrgänge aus dem Berufsleben, um ganze Bereiche der Forschung, der Fachmedizin und der Erziehung verschwinden zu lassen.

Sie nimmt tiefe Einschnitte in den Haushalten von Lehre und Forschung vor. Sie löst das Problem der Betreuung der „Alten“ indem sie die Familien beschuldigt, die Jüngeren zur paternalistischen Ordnung mahnt und einen Feiertag abschafft.

Dieser Krieg gegen die Intelligenz ist ein beispielloser Vorgang in der jüngsten Geschichte der Nation. Er ist das Ende der französischen Ausnahme. Ein einfacher Blick auf die Lage unserer europäischen Nachbarn, England nach Thatcher, Italien unter Berlusconi, erlaubt es jedoch, wahrzunehmen, was mit den Schulen, Krankenhäusern, Universitäten, Theatern und Verlagen geschieht, wenn im Namen des gesunden ökonomischen Menschenverstandes und rigoroser Sparhaushalte eine Politik geführt wird, die einen exorbitanten menschlichen, sozialen und kulturellen Preis und unumkehrbar Folgen hat.

Der Ruck, der durch die intellektuellen Berufe geht, ist keineswegs eine korporatistische Laune. Er geht die gesamte Gesellschaft an, zum einen, weil wir die Produktion und die Verbreitung von Wissen genauso brauchen wie die Luft zum Atmen, zum anderen, weil man über den Angriff auf unsere Berufe, auf unser Wissen und unsere Praxis hinaus den sozialen Zusammenhalt angreift und die Arbeitslosen, die prekär Beschäftigten und die Armen an den Rand der Gesellschaft drängt.

Was nun? Gestärkt durch dieses Bewusstsein gilt es, die Kämpfe und Mobilisierungen zu teilen, unsere Unruhe zu verbünden, unsere alarmierenden Erfahrungen auszutauschen und an die Regierung unseren solidarischen, vereinten Protest zu richten, der aus allen Bereichen kommt, die von diesem staatlichen Antiintellektualismus angegriffen werden, den bislang noch keine politische Partei, ob links oder rechts, angeprangert hat. Jeder von uns muss weiterhin seine eigenen Forderungen einbringen, seine eigene Verteidigung organisieren, wir müssen jedoch auch gemeinsam unsere Mitbürger mahnend auf den Abbau der lebendigen Kräfte der Intelligenz aufmerksam machen.

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* Am 21. April 2002 gelangte in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen der Faschist Jean-Marie Le Pen auf den zweiten Platz hinter Jacques Chirac, während der sozialistische Premierminister Jospin aufgrund der zersplitterten Linken ausschied. Darauf entschlossen sich viele, Chirac als dem kleineren Übel die Stimme zu geben. Vor allem mit der Sicherheitspolitik gewann die konservative Einheitspartei UMP und die neue Regierung unter der Führung Raffarins schließlich auch die Wahlen.

Text im RTF-Format  

Posted: Di - März 23, 2004 at 11:39 vorm.  
   
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